Der neue Freiraum kommt gut an NRZ 24.12.2019

Pastor Udo Otten in einem Liegestuhl in der Kirche. In diesem Freiraum-Gottesdienst im Sommer ging es um das Thema Reisen und Urlaub. Gemeinde

Die Evangelische Kirchengemeinde Rheinberg verfolgt seit einem Jahr ein neues Gottesdienstkonzept.
Eine erste Einschätzung

Klar: An Heiligabend und den Weihnachtstagen sind die Kirchen zum Bersten voll. Aber Kirche verändert sich. Gottesdienst-Besuche am Sonntag gehören längst nicht mehr zum festen Programm. Viele Menschen treten aus den Kirchen aus. Der Glaube an Gott ist nicht mehr das Maß aller Dinge.

In Rheinberg hat man darauf reagiert. In der Evangelischen Kirchengemeinde gibt es seit genau einem Jahr das Konzept „FreiRaum“, eine Alternative zu den klassischen Gottesdiensten. „Am zweiten Advent 2018 haben wir damit angefangen“, erinnert sich Pastor Udo Otten. Er blickt guter Dinge auf das erste Jahr mit elf Freiräumen zurück. „Wir sind zufrieden und wollen weitermachen“, sagt er. „Ob wir aber den monatlichen Rhythmus beibehalten können, müssen wir sehen“, sagt er. Die größte Sorge sei gewesen, ob es akzeptiert werde, wenn man vom „heiligen“ Sonntagsgottesdienst weggehe. Der befürchtete Aufschrei sei ausgeblieben, sagt Otten: „Unser neues Konzept wird akzeptiert. Und es strahlt auch auf die ,normalen’ Gottesdienste aus.“

Sinkende Besucherzahlen hätten gar nicht den Hauptausschlag für das neue Konzept gegeben, versichert Otten. „Uns ging es vor allem darum, Leute zu erreichen, die nicht oder sehr selten in die Gottesdienste kommen, denen die Liturgie nicht so wichtig ist, die aber Gemeinschaft und Auseinandersetzung mit dem Glauben suchen.“ Ganz bewusst sei man mit den Freiraum-Terminen auf samstagabends gegangen. „Wir haben das einfach mal ausprobiert“, so Otten. „Fröhliches Scheitern mit einkalkuliert.“

In der Evangelischen Kirchengemeinde wurden Teams für die Vorbereitung gebildet. Mal schafft der Bibelkreis, mal die CVJM-Jugend, mal Kirchenmusiker Michael Wulf-Schnieders mit seinen Leuten einen Freiraum. Pastor Otten ist stets geborenes Mitglied der Gruppen. Er sagt: „Die Teams sind recht frei in der Ausgestaltung, sie denken und handeln alle sehr kirchennah, das sind alles gestandene Menschen, die wissen, was sie möchten. Da muss man sich keine große Sorgen machen.“ Ein gottesdienstlicher Rahmen mit Segen und Vaterunser bleibe erhalten. Und gesungen wird auch.

Natürlich habe er als Pfarrer eine besondere Verantwortung. Wenn sich etwa Jugendliche melden und gerne eine Predigt halten möchten, dann coache er die Akteure, damit sie nicht auf die Nase fallen und ihr Vorhaben erfolgreich sein kann.

In der Regel steht ein Thema im Mittelpunkt einer Freiraum-Stunde. Das kann die Reise-Vorbereitung im Sommer sein oder Gedanken zum eigenen Sterben mit Fragen wie: Wie möchte ich beerdigt werde? Was war wertvoll an meinem Leben?

Kreative Auseinandersetzung ist erwünscht

Besonderheiten an Freiraum sind eine deutlich kürzere Predigt, die den Zweck eines Impulses übernimmt. Vier, fünf Minuten, danach darf und soll über das Thema gesprochen, diskutiert, gestritten werden. Mitunter gibt es verschiedene Stationen, an denen man sich zur kreativen Auseinandersetzung trifft. Das werde gut angenommen, wie Otten versichert. Denn: „Heute wird mehr über Geld oder Sex gesprochen als über Glauben.“

Viele Menschen werden der Anonymität des Internets überdrüssig und suchen andere Felder des Austauschs – auch für die ist der Freiraum gedacht. Pastor Otten: „Natürlich gibt es Gemeindemitglieder, die jetzt nicht mehr kommen. Dafür haben wir aber viele andere hinzugewonnen. Wir versuchen, Altes und Neues unter einen Hut zu bringen.“

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