Nach Auszeit ein Aufbruch ins alte Leben RP 31.03.2018

Udo Otten ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Rheinberg – für ein Semester wurde er wieder zum Student. FOTO: UO

Udo Otten, seit 15 Jahren Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Rheinberg, hat ein Semester lang an der Universität in Leipzig studiert. Nach der Rückkehr sieht er manche Dinge anders. Die Messestadt in Sachsen ist ihm ans Herz gewachsen.

Ein wenig desorientiert, wie aus Raum und Zeit gestürzt: Udo Otten gibt zu, dass er Schwierigkeiten hatte, sich in Rheinberg wieder einzufinden. „Das hat schon eine Weile gedauert, bis ich wieder im Rhythmus war“, sagt er. Verständlich: Ein halbes Jahr raus aus allem Vertrauten, aus Beruf, Familie und der alltäglichen Verantwortung – das fällt mit 52 Jahren nicht so leicht wie mit 20.

Udo Otten ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Rheinberg. Seit 2003 ist er drin im Hamsterrad. Ein Termin jagt den nächsten, Hochzeit folgt auf Beerdigung, Konfi-Freizeit löst Presbyteriumssitzung ab. Otten ist vorübergehend ausgestiegen, hat sich eine Auszeit gegönnt. Nicht, um auf der faulen Haut zu liegen, sondern um noch mal zu studieren. „Als Pfarrer habe ich die Möglichkeit eines Kontaktstudiums“, erzählt der dreifache Vater und seit kurzem Großvater. Ein Semester Zeit, altes Wissen aufzufrischen und neues hinzuzugewinnen, damit man anschließend als Pfarrer neue Impulse in die Gemeinde geben und neue Akzente setzen kann.

Udo Otten hat sich für Leipzig entschieden. „Die dortige Uni leistet sich einen Religionssoziologen. Das hat mich interessiert. Ich habe den Schwerpunkt in dem Semester auf Religionssoziologie, Soziologie und Sozialpsychologie gelegt.“ Auf die Frage „Warum jetzt?“ antwortet der Pastor, ohne lange zu überlegen: „Unser Vikar Michael Hammes ist im Herbst ordiniert worden, und es bot sich an, dass er mich ein halbes Jahr vertritt. Er kennt die Gemeinde, und ich habe Vertrauen zu ihm. Außerdem sind meine drei Kinder jetzt alle aus dem Haus, und ich bin seit 15 Jahren Pfarrer in Rheinberg.“ Ein guter Zeitpunkt für eine persönliche Standortbestimmung, fand Otten.

In Leipzig kam er dann in eine völlig andere Welt. „Bis auf zwei oder drei in meinem Alter waren alle Erstsemester um die 20. Da wird einem plötzlich das eigene Alter bewusst. Zum Glück waren die jungen Kollegen sehr offen und haben mich von sich aus überall hin mitgenommen, ohne dass ich ihnen auf die Nerven gehen musste.“

Otten mietete sich eine kleine Wohnung am Zentrumsrand („14 Minuten mit der Straßenbahn zur Uni, 13 mit dem Fahrrad“) und das Studentenleben konnte losgehen. Tagsüber strammes Programm mit Vorlesungen und Seminaren, abends auf ein oder zwei Bierchen in verrauchte Kneipen. Der Pfarrer: „Ich kam mir vor wie in meiner Wuppertaler Studentenzeit.“

Das Studium, plötzlich wieder lernen zu müssen, sei anstrengend – allerdings sei der Druck geringer gewesen als vor 30 Jahren. „Prüfungs- und Zukunftsängste, das hatte ich jetzt nicht.“ Otten musste am Ende auch keine Prüfung ablegen, hat aber eine umfassende Dokumentation geschrieben.

Die Zeit in Leipzig habe seinen Blickwinkel aufs Leben verändert. Aus verschiedenen Gründen. „Ich habe gemerkt, dass man anderen Menschen etwas zutrauen muss. In Rheinberg lief es auch ohne mich, bis auf einige Seelsorgefälle musste ich mich um nichts kümmern. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen.“

Als Student seien ihm andere Sachen aufgefallen. „Ich habe mich vorher gefragt: Ist Sachsen das richtige Bundesland? Nach den letzten Wahlen war das ein ,braunes‘ Land für mich. Heute weiß ich: Die Sachsen sind coole Leute, sind kommunikativ wie die Kölner und frei heraus wie die Berliner.“

Erstmals in seinem Leben habe er ganz allein gelebt – auch eine Erfahrung für den 52-Jährigen. „Weil ich nun regelmäßig einkaufen gegangen bin, sind mir verschiedenste Sachen aufgefallen. Zum Beispiel habe ich einen absoluten Widerwillen gegen unnütz verpackte Lebensmittel entwickelt.“

Otten hat versucht, vom Bafög-Satz zu leben: „Mit 620 Euro im Monat auszukommen, wenn man schon 310 Euro Miete zahlen muss, das ist eine echte Herausforderung und kaum zu schaffen.“ Auch berufliche Erfahrungen konnte Otten sammeln: „Ich habe mal in die sächsische Landeskirche reingeschaut und festgestellt, dass dort eine ähnliche Form der Orientierungslosigkeit herrscht wie bei uns.“

Erfahrungen, die in irgendeiner Weise in die Arbeit in Rheinberg einfließen werden. „Ich sehe allgemein die Sorge, dass wir uns zu Tode bürokratisieren“, so der Protestant. In Rheinberg ist eine der zentralen Aufgaben für die Zukunft, die Konzeption für die Gemeinde neu zu formulieren. Otten: „Vor dem Hintergrund geringer werdender finanzieller Mittel heißt das: Wir gehen in eine Zeit des Loslassens, wir werden uns von Dingen trennen müssen.“

Nicht trennen wird sich Udo Otten ganz sicher von den schönen Erinnerungen an Leipzig. „Eine wunderbare Stadt“, sagt er. „Ich habe mich dort absolut wohlgefühlt und habe mein Herz an diese Stadt verloren. Und das Schönste ist: Meiner Frau geht es genauso.“ Die beiden hoffen nun, dass ihre jüngste Tochter im Herbst dort ein Studium anfängt. Denn die Ottens haben noch einen Koffer in Leipzig.

Von Uwe Plien

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