Kirchen laufen die Mitglieder weg RP 26.02.2020

Pfarrer Udo Otten will Gläubige in der evangelischen Kirche Rheinberg stärker einbinden. Dennis Freikamp

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Pfarrer Udo Otten erzählt im Interview, wie die Evangelische Kirchengemeinde Rheinberg die Gläubigen zurückgewinnen will

Die evangelische Kirche verzeichnet seit Jahren einen Mitgliederschwund. Der Rückgang macht sich auch in Rheinberg bemerkbar. 143 Austritte zählte die Evangelische Kirchengemeinde seit 2014. Nur 30 Mitglieder traten im selben Zeitraum neu ein. Pfarrer Udo Otten erklärt, warum immer mehr Menschen der evangelischen Kirche den Rücken kehren. Und er sagt, wie seine Gemeinde gegen diese Entwicklung ankämpft.

Herr Otten, wie sehr beschäftigt Sie die Zahl der Kirchenaustritte?

Natürlich ist jeder Austritt ein herber Verlust. Dass die Mitgliederzahlen so dramatisch sinken, hat aber auch was mit dem demographischen Wandel und der großen Differenz zwischen Taufen und Sterbefällen zu tun.

Der Mitgliederschwund hat schon vor einigen Jahrzehnten eingesetzt. Warum?

Das Problem unserer Gemeinde ist, dass wir es über mehrere Generationen versäumt haben, den Menschen eine geistliche Heimat zu geben und sie in Glaubensdingen sprachfähig zu machen. Heute reden wir über alles inklusive Geld und Sex, aber nicht über den Glauben. Es ist doch nur zu verständlich, dass Menschen aus der Kirche austreten, wenn die Eltern und Großeltern schon keinen richtigen Bezug zur Kirche hatten.

Sie bitten Ausgetretene in einem Brief darum, Ihnen die Beweggründe für ihre Entscheidung zu nennen. Wie ist der Rücklauf?

Sehr gering. Wir bekommen vielleicht ein- oder zweimal im Jahr eine Rückmeldung. Oft werden die Kirchensteuer oder familiäre Veränderungen als Hauptgründe aufgeführt. Die Leute ziehen um, trennen sich oder fangen an zu bauen. Und während dieser Phase des Wandels denken sich viele: ‘Dann spare ich mir das Geld jetzt lieber’.

Also ist die Kirchensteuer nur der letzte Impuls für einen Austritt?

Ganz genau – der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Entfremdung von der Gemeinde hat meistens schon lange vorher angefangen. Außerdem hören wir von unseren Mitgliedern, dass Steuerberater ihren Klienten mittlerweile regelmäßig den Kirchenaustritt nahelegen, um Geld zu sparen.

Inwieweit tragen auch der gesellschaftliche Wandel und die Säkularisierung zum Rückgang der Mitgliederzahlen bei?

Die Bedeutung des Glaubens und der Kirche nimmt in dem Maße ab, wie sich die Menschen in der Gesellschaft vereinzeln, sich das Leben modernisiert, die Leute sich immer weniger als Gemeinschaftswesen verstehen oder mehr Zeit auf dem Weg zur Arbeit im Auto verbringen als bei der Familie daheim. Die Menschen haben innerhalb des Wohnortes nicht mehr so viele soziale Kontakte wie früher. Nehmen Sie zum Beispiel den Wohnungsmarkt. Die größten Nöte gibt es bei Ein-Personen-Haushalten.

Werden die Leute tatsächlich immer „unsozialer“ oder suchen sie sich ihre sozialen Kontakte heutzutage einfach lieber außerhalb der Kirche – im Verein, in der Schule oder übers Smartphone?

Natürlich stehen wir als Kirche auch in einer gewissen Wettbewerbssituation. Da ist der Tanzklub, der Fußballverein, die Disko. Die Leute können unter mehreren Angeboten auswählen. Einige gehen dann lieber ins Stadion als in die Kirche. Und finden dort ähnliche Formen: Jedes Fußballspiel hat eine Liturgie. Es gibt sogar eine Fanzeitschrift mit dem Titel ‘Schalke unser’. Da merkt man, es hat religiöse Formen angenommen – ohne, dass es Religion ist. Die Leute haben die gleichen Sehnsüchte nach Gemeinschaft und Geborgenheit, verbinden sie aber nicht mehr mit einem persönlichen Gott.

Wie wollen Sie versuchen, diese Menschen, die nie einen engen Kontakt zur Kirche hatten, zukünftig näher an Ihre Gemeinde heranführen?

Wir haben einen großen Kindergarten mit 70 Familien und betreuen genauso viele Kinder in unseren Krabbelgruppen.

Auf diese Familien wollen wir uns konzentrieren, sie begleiten, ihnen Beratungsangebote machen und zusammen über Erziehung und ganz persönliche Dinge reden.

Wir wollen nah an den Menschen sein, ohne sie zu bedrängen oder zu etwas zu zwingen. Das ist unser Weg und wir merken, dass das anfängt zu fruchten.

Sie haben 2018 das Konzept „Freiraum“ entwickelt, eine Alternative zum klassischen Gottesdienst, bei der die Gläubigen selbst aktiv werden und miteinander diskutieren können. Ist das eine Möglichkeit, die Leute wieder einzufangen?

Wir versuchen es. Ich glaube, dass wir in den Kirchen mehr experimentieren müssen. Das kann auch mal in die Hose gehen, aber es gibt nichts Langweiligeres als alles aus lauter Angst beim Alten zu belassen. Im Gottesdienst Freiraum können sich die Leute beteiligen. Sei es, dass sie eigene Gebete aufschreiben oder dass wir zusammen frühstücken oder Stationen vorbereiten. Natürlich mache ich auch eine kleine Predigt, aber die ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, was an den Tischen passiert.

Ist der klassische Gottesdienst, bei dem der Pfarrer redet und die Mitglieder wortlos zuhören, aus Ihrer Sicht überholt?

Ja. Viele Menschen möchten dem Pfarrer auch mal sagen: ‘Hör mal, was du da behauptest, ist einfach Mist’. Sie möchten selbst aktiv werden und ihre Meinung äußern. Das heißt aber nicht, dass wir den klassischen Gottesdienst komplett aufgeben. Trotzdem wollen wir auch Alternativen schaffen.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Dass die Leute wieder anfangen, sich über Ihren Glauben Gedanken zu machen und den Mut finden, darüber zu reden. Ich erlebe das aktuell im Jugendgottesdienst: Wir haben mittlerweile zehn Leute, die beim nächsten Gottesdienst gerne eine eigene Predigt halten möchten. Das ist nicht so glatt wie wenn ein alter Hase das macht, aber ich finde es einfach klasse, wenn die in ihrer eigenen Sprache von ihrem Glauben erzählen.

Ich hoffe, dass auch wir als Gemeinde eine Sprache finden, die die Menschen verstehen. Dass wir so reden wie der Schnabel gewachsen ist. Nur dann können wir zu den Menschen durchdringen. Die Organisationsform und die Art der Gottesdienste sind dem da oben, glaube ich, ziemlich egal.

Dennis Freikamp

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